Beine stehen auf großen Zeichnungen am Boden

Studienrichtungen

Fachbereich Zeichnung: Interview mit Veronika Dirnhofer

Autor_in: Amar Priganica (UGC)

Der Student Amar Priganica spricht in den drei Teilen der ersten Episode seines Akademie-Podcasts mit Veronika Dirnhofer, Professorin des Fachbereichs Zeichnung an der Akademie der bildenden Künste Wien.

Bewerbung und Bewerbungsmappen

Im ersten Teil der Episode gibt Veronika Dirnhofer Einblick in ihre künstlerische Praxis und die Arbeit in ihrer Klasse. Außerdem erzählt sie über den Bewerbungsprozess an der Akademie und teilt ihre Erfahrungen und Gedanken zum Thema Bewerbungsmappen – ein zentraler Schritt für viele Studieninteressierte.

 

Text zu Teil 1

Herzlich willkommen zum Akademie-Podcast der Akademie der bildenden Künste Wien. Mein Name ist Amar Priganica, und wir haben heute das große Glück, mit Veronika Dirnhofer sprechen zu dürfen – sie ist Professorin in der Klasse Kunst und Bild | Zeichnung.
Ähm, da das jetzt wirklich die allerallererste Folge ist, erklär ich noch mal kurz das Konzept – also, für alle, die das noch nicht kennen… wobei es ja eh noch niemand kennen kann. Also, es soll ein Podcast-Format für den Akademie-Kiosk sein, mit Lehrenden der Akademie der bildenden Künste. Gerichtet ist das Ganze an Bewerber_innen, die mehr über die Akademie erfahren wollen – und auch, warum man sich hier bewerben sollte oder vielleicht auch nicht.

Die Idee ist, das Ganze auf maximal 15 Minuten zu beschränken, damit es in unserer – ähm – nicht vorhandenen Aufmerksamkeitsökonomie auch verdaubar bleibt. Quasi als Gegenmodell zu all den vierstündigen Podcasts, die es sonst überall gibt.
Genau. Ich hab vorhin schon ein Red Bull getrunken, um irgendwie schneller zu reden oder zu denken – hat nicht so wunderbar funktioniert, wie ich mir das vorgestellt hab. Aber wir fangen jetzt einfach an.

Also, hallo Veronika, schön, dass du da bist! Stell dich doch bitte noch mal in deinen eigenen Worten vor, wenn das geht.

Ja, ich bin die Veronika Dirnhofer, wie du eh schon gesagt hast, ich leite die Klasse Zeichnung hier an der Akademie, eine von, ich glaube, 17 Klassen am Institut für Bildende Kunst. Ich bin schon viele, viele Jahre an der Akademie, kenne sie also sehr lange, und ich mache diesen Job – ja, es ist auch ein Job – aber wirklich extrem gerne. Ich finde, das ist ein super Ort, es sind wahnsinnig tolle Leute hier und… ist einfach gut.

Vielleicht fangen wir mal direkt von vorne an. Du meintest, du bist schon sehr lange an der Akademie – hast du auch hier studiert?

Ja, ich hab hier studiert, aber in der Abstrakten Malerei-Klasse. Dann war ich weg, kam aber als Assistentin zurück ins Haus, was eher selten ist. Ich hab dann sehr lange als Assistentin gearbeitet, mich habilitiert und die Klasse Zeichnung übernommen.

Wie wird man eigentlich Kunstprofessorin?

Anders als viele denken, nicht automatisch. Normalerweise läuft es über eine Ausschreibung, man muss ein Hearing machen und verschiedene Stufen durchlaufen. Dann wählt ein Gremium.

Und die Klasse Zeichnung gibt’s ja noch nicht so wahnsinnig lange. Wie kam es dazu, dass plötzlich eine neue Klasse gegründet wurde?

Na ja, als ich hier studiert habe, gab’s überhaupt nur acht Klassen, inklusive Bildhauerei. Mit den Jahren ist die Akademie gewachsen, es gibt Entwicklungspläne, die der Senat schreibt. Damals war die Grafik- und Druckgrafik-Klasse extrem überlaufen, und man hat beschlossen, eine zusätzliche Klasse für Zeichnung einzurichten. Zeichnung hat ja viele Verästelungen, Tentakel sozusagen, in alle Richtungen. Sie kann ein sehr breites Feld sein. Das Rektorat – ich glaube unter Rektorin Blimlinger – hat das dann gemeinsam mit dem Senat entschieden.

Ich finde das interessant, weil… ich hab ja selber in der Malerei-Klasse bei Daniel Richter studiert. Und dort hab ich schon das Gefühl gehabt, dass Zeichnung manchmal so ein bisschen als minderwertig gesehen wird, als bloßes Derivat, eine Vorstudie. Alle zeichnen, aber das ist dann nur so halbfertig. Deswegen die Frage: Was bedeutet Zeichnung für dich persönlich?

Also, diese Meinung, dass Zeichnung nur die Vorarbeit für Malerei ist, die gibt es zwar noch, aber in meinem Kunstbegriff sind wir davon wirklich weg. Ich sehe Zeichnung als etwas sehr Eigenständiges, auch sehr Demokratisches: Jede Person kann zeichnen, es braucht kaum Mittel oder Produktionsaufwand. Man kann Text als Zeichnung sehen, man kann aufzeichnen, bezeichnen, verzeichnen, Konzepte zeichnen, gemeinschaftlich zeichnen… Es gibt so viele Möglichkeiten. Gleichzeitig reicht es bis zu extrem feinen, figurativen oder fiktionalen Zeichnungen, die auf einem Quadratmeter eine ganze Welt eröffnen können. Genau diese Spannbreite macht Zeichnung für mich so spannend.

Und was passiert in deiner Klasse konkret? Also, haben die Studierenden Atelierplätze mit Zeichentischen, oder wie kann man sich das vorstellen?

Also, am Anfang, bei der Aufnahmeprüfung, schauen wir uns die Mappen an. Heuer waren es, glaube ich, um die 1600 Bewerbungen insgesamt, davon rund ein Drittel für den Bereich „Kunst und Bild“. Wir suchen gezielt Leute, die zeichnungsbasiert arbeiten, nicht nur Malerei. Zeichnung ist also die Basis, aber im Verlauf der Jahre entwickeln sich viele Studierende auch in andere Richtungen: filmisch, installativ, malerisch. Zwei von fünf aktuellen Diplomen sind sehr zeichnungsbasiert, die anderen gehen in Skulptur oder Installation. Es gibt kein „Malverbot“ – die Leute entwickeln ihre Arbeit so, wie sie es müssen.

Und diese Aufnahmeprüfung – sind die Mappen jetzt digital oder wieder physisch?

Wir sind nach Corona auf Pdfs umgestiegen, aber wir haben erkämpft, dass zumindest die zweite Runde wieder in Präsenz stattfindet. Ich bin kein Fan von Pdfs, weil die Arbeiten verzerrt wirken können. Manchmal denkt man: Das ist riesig, und dann ist es winzig. Aber für die Bewerber_innen ist es ein Vorteil, weil sie sich gleichzeitig an zehn internationalen Hochschulen bewerben können. Früher hattest du eine physische Mappe und konntest die kaum verschicken.

Es heißt ja, viele Mappen bestehen zu 90 % aus Manga oder Pferdezeichnungen. Stimmt das?

Ja, ein Teil stimmt. Aber das hängt auch damit zusammen, was an Schulen unterrichtet wird. Ich will das nicht allein den Jugendlichen zuschieben. Aber ja, wir sehen viele Mappen, wo schnell klar ist: passt nicht. Gleichzeitig gibt es auch wirklich großartige Arbeiten. Pdfs haben den Vorteil, dass die Bewerber_innen professionell auftreten können, aber für uns ist es schwieriger zu beurteilen.

Kann man eigentlich, wenn man sich für deine Klasse interessiert, mal bei einem Klassentreffen reinschauen?

Na ja, es wäre unfair, wenn ich einzelne Bewerber_innen bevorzugt einladen würde. Ich war damals bei der Gründung des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen dabei, und das ist mir wichtig. Sympathie spielt im Bewerbungsprozess keine Rolle – wir wollen faire Chancen für alle. Die Ressourcen sind knapp, wir haben nicht unendlich viele Atelierplätze oder Werkstätten. Deshalb halte ich es für falsch, Leute durch die Hintertür hereinzuholen.

Studienalltag, Party und Aktivismus

Im zweiten Teil der Podcast-Episode mit Veronika Dirnhofer, Professorin für Zeichnung an der Akademie der bildenden Künste Wien, geht es um den Alltag in ihrer Klasse. Sie spricht über die Struktur und Aufteilung der Ateliers, über Klassentreffen und darüber, wie gemeinsames Arbeiten den Studienalltag prägt. Ein weiteres Thema war der Aktivismus in der Kunst, und die Partyreihe der Klasse Zeichnung, bei der Spenden für die Ukraine gesammelt wurden.

Text zu Teil 2

Mhm. Und wenn man es dann mal geschafft hat, in die Klasse Zeichnung reinzukommen – wie schaut denn der Alltag aus?

Na ja, wir haben ja schon drüber gesprochen: Es ist alles sehr individuell zugeschnitten. Das ist auch der Grund, warum man hier gut studieren kann – man muss selber herausfinden, was man möchte.

Ich hab mal gehört – was ich ziemlich interessant fand – dass ihr die Arbeitsplätze in der Klasse tatsächlich zuteilt. Also nicht so nach dem Motto „Survival of the fittest“: Wer sich durchsetzt, kriegt den besten Platz.

Ja, genau. Wir teilen die Plätze auf. Manchmal für ein Jahr, manchmal für ein Semester. Leute gehen auf Erasmus, neue kommen nach – und ich glaube einfach, jede_r sollte einen anständigen Arbeitsplatz haben. Wenn jemand den Platz länger gar nicht nutzt, kann es sein, dass wir einschreiten und ihn jemand anderem geben. Wir überlegen auch, wer zu wem passt, damit nicht immer nur die gleichen Gruppen zusammensitzen. Das ist uns wichtig, weil wir für das Diplomstudium gekämpft haben – wir wollten nicht dieses Bachelor-Master-System. Uns ist das Miteinander über mehrere Jahrgänge hinweg wichtig. Wenn Erstsemestrige neben Diplomand_innen sitzen, lernen beide Seiten enorm voneinander.

Und wie ist das mit den Klassentreffen – wie oft passieren die, und was passiert da?

Wir haben jede Woche am Mittwoch Klassentreffen, also sehr regelmäßig. Da muss schon eine große Ausnahme sein, dass es mal ausfällt. Am Anfang besprechen wir aktuelle Themen, oft auch gesellschaftliche. Wir sind eine sehr internationale Klasse – Leute aus der Ukraine, aus Ghana, Bangladesch, USA… und dadurch kommen viele Blickwinkel zusammen. Danach gibt es Präsentationen von Arbeiten. Da wird auch Kritik geübt – aber immer respektvoll. Es geht darum, Kritik äußern und annehmen zu lernen, beides ist wichtig.

Okay, spannend. Meine „geheime Informantin“ aus der Klasse hat mir erzählt, dass Umweltthemen bei euch extrem wichtig sind – sowohl für dich als Künstlerin als auch für die Klassenethik. Stimmt das?

Ja, absolut. Ich nenne es „Transformation“, und es ist ein Schwerpunktthema in der Klasse. Nicht, weil ich dachte „wir brauchen ein Thema“, sondern weil es die existenziellste Krise unserer Zivilisation ist. Und wir im globalen Norden sind die Verursacher. Das Thema ist total intersektional – da spielen Feminismus, Verteilungsgerechtigkeit, Gesundheit, Ökologie, Wohlstand mit hinein. Wir laden dazu Gäste ein, gehen auf Ausstellungen, diskutieren. Es gibt keinen Zwang, dass es sich in den Arbeiten widerspiegeln muss, aber wir wollen uns damit auseinandersetzen. Ich hatte Gespräche mit Klimawissenschaftler_innen, die sagten: Wir brauchen Künstler_innen, um neue Narrative gegen die fossilen Geschichten zu entwickeln. Denn die kennen wir alle – Hollywood, Werbung, Statussymbole. Aber was ist ein anderes gutes Leben? Genau da kann Kunst ansetzen.

Wo siehst du die Grenze zwischen Kunst und Aktivismus?

Für mich soll alles möglich sein – subtil, metaphorisch oder ganz aktivistisch. Aber: Um Menschen zu erreichen, braucht es Emotion. Und da beneide ich Musiker_innen, weil Musik Emotionen in Sekunden transportieren kann. In der bildenden Kunst dauert das oft länger, aber sie hat immer Geschichten erzählt. Wir brauchen neue Geschichten, gerade zu diesem Thema.

Du hast vorher gesagt, dich hat Kunst auch schon so berührt, dass du geweint hast. Welche Arbeiten waren das?

Tatsächlich bei El Greco und bei Mark Rothko. Ich hab Rothko in New York gesehen – dieser Raum hat mich komplett überrollt. Aber das ist individuell, es kommt auch auf den eigenen Zustand an. In der Musik passiert das Gemeinschaftliche schneller, glaube ich. Aber auch bildende Kunst kann das.

Und dann gab es ja auch diese Ukraine-Aktion in deiner Klasse. Kannst du das noch mal erzählen?

Ja. Für mich gilt: Wir sind immer mittendrin. Alles ist politisch – was ich esse, was ich kaufe, wie viel ich für meine Wohnung zahle. Auch, ob in der Ukraine Krieg ist oder nicht. Als der Angriff 2022 begann, war das ein Schock. Wir haben dann in der Klasse entschieden: Wir machen etwas. Neben Sachspenden haben wir Hofpartys organisiert – mit Musik, DJs, alle haben mitgeholfen. Am Ende konnten wir 22.500 Euro spenden, an verschiedene Organisationen, auch sehr kleine, die direkt in der Ukraine Lebensmittel verteilt haben. Das war ein sehr starkes Erlebnis für die Klasse.

Kunst, Politik und Erwartungen

Im dritten Teil der Podcast-Episode mit Veronika Dirnhofer geht es um zentrale Fragen zur Rolle der Kunst in unserer Zeit. Sie sprechen über Aktivismus in der Kunst, Identity Politics, die gesellschaftliche Bedeutung künstlerischer Praxis sowie über die drängenden Themen des Klimawandels. Zum Schluss ging es nochmals um die Erwartungshaltungen, mit denen Studienbewerber_innen an die Akademie der bildenden Künste Wien herantreten „sollten“.

Text zu Teil 3

Es gibt ja Leute, die sagen, Kunst solle weltfremd sein – sozusagen Eskapismus statt Aktivismus. Dean Kissick hat in der Spike so einen Text geschrieben, wo er nostalgisch auf die 2000er zurückschaut: große Carsten-Höller-Rutschen im Hamburger Bahnhof, Prosecco mit Hans Ulrich Obrist – Kunst als Dekadenz, Staunen, Weltfremdheit. Und er sagt: Diese Ernsthaftigkeit, Identity Politics, Aktivismus – das schade der Kunst. Kannst du dem was abgewinnen?

Hm, zum Teil schon. Natürlich war auch damals nicht alles „heile Welt“. Es gab 9/11, Kriege, Umweltzerstörung – vieles war schon sichtbar. Aber heute ist es durch Social Media viel präsenter und dauerhafter. Man wird permanent konfrontiert. Und ja, manchmal macht es mich wütend, wenn ich wissenschaftliche Artikel zur Klimakrise lese und gleichzeitig die Kunstblase sehe, die weiterfliegt und sich besonders bewusst gibt. Aber: Ich finde trotzdem wichtig, dass Staunen möglich bleibt. Kunst soll auch Räume fürs Rätseln, fürs Unbekannte schaffen.

Letzte Frage: Was würdest du Bewerber_innen raten, die sich für deine Klasse oder für die Akademie interessieren?

Das Wichtigste ist: Die Arbeiten müssen interessant sein. Das ist die Basis. Aber dann schaue ich auch: Wie nehmen die Leute die Welt wahr? Arbeiten sie gerne in Gruppen? Sind sie neugierig, besessen genug, dass sie wirklich jeden Tag ins Atelier gehen wollen? Wenn nicht, sind sie hier falsch. Es gibt viele andere spannende Berufe, die einfacher sind. Kunst ist schwer, das Nadelöhr nach dem Studium ist noch enger als die Aufnahmeprüfung. Galerien, Jobs – sehr schwierig. Aber: Wer wirklich nicht anders kann, wer leidet, wenn er nicht ins Atelier kommt – der gehört hierher.

Die Berufsaussichten sind also eher schwierig?

Ja, leicht ist es nicht. Aber ich glaube fest daran: Eine Gesellschaft, in der viele Menschen Kunst studiert haben, ist eine bessere Gesellschaft. Die Leute sind reflektierter, weniger anfällig für rechte Ideologien. Und ich sehe viele Absolvent_innen, die trotzdem ihren Weg machen – oft bescheiden, manchmal prekär, manchmal mit Unterstützung. Aber nicht aussichtslos.

Noch eine persönliche Frage: Gibt es eigentlich rechte Studierende an der Akademie?

Also, in meiner Klasse sicher nicht. Ich kann nicht für alle Institute sprechen, aber bei uns ist das kein Thema. Wir leben Diversität, und das finde ich großartig.

Okay, super. Danke dir vielmals!

Danke auch – hat gar nicht weh getan.

 

Amar Priganica ist Student im Doktoratsstudium der Philosophie an der Akademie der bildenden Künste Wien.